Kataloge

Texte

STRICH FÜR STRICH

Thomas Schiela malt gigantische, fotorealistische Bilder in mühseliger Kleinstarbeit, Strich für Strich mit Aquarellfarben. Wieso er das macht, und was er sich dabei denkt, fragte ihn die Sozialwissenschaftlerin Vanessa Pegel in einem Telefoninterview am 11.10.2010

Herr Schiela, was muss ein Foto haben, damit ihm die Ehre zuteil wird, von Ihnen auf die Leinwand gebracht zu werden?
Meine Bilder basieren alle auf Fotos, die ich selbst gemacht habe, und das kann man sich ungefähr folgendermaßen vorstellen: Ich gehe auf Fotosafari, nachdem ich mir vorher überlegt habe, was ich suche. Das sind vor allem stimmige Kompositionen, schöne Farbmischungen, Stimmungen und Emotionen. Vorauf ich nicht so sehr achte ist, ob Menschen gut getroffen sind. Denn ob sie vorteilhaft aussehen oder nicht, darauf kommt es mir nicht an. Häufig sind die Akteure letztlich dann auch gar nicht so zufrieden mit der Abbildung, weil sie sich nicht sonderlich gut getroffen sehen. Aber mir persönlich geht es viel mehr um Kompositionen und die Mischung der Farben. Im Verlaufe der Jahre hatte ich Phasen, in denen ich spezielle Renaissance-Kompositionen gesucht habe, danach hatte ich eine Barock-Phase und zurzeit bin ich ein bisschen freier in meinen Kompositionen.

Wonach haben Sie während Ihrer Thailand- oder Marrakesch-Fotosafari gesucht?
Als Europäer in Marrakesch, faszinierte mich natürlich vor allem das Fremdartige dieses Landes. Komischerweise kamen mir die Menschen in Marrakesch noch viel merkwürdiger vor als in Thailand. Deshalb wirken diese Bilder auch noch distanzierter, als die Straßenküchen aus Thailand. Obwohl ich zuerst ganz viele Nahaufnahmen auf dem Markt in Marrakesch gemacht habe, ist mir später aufgefallen, dass ich das Ganze doch eher aus der Distanz fotografieren sollte. Vorher musste ich natürlich ganz viel Überzeugungsarbeit leisten, um überhaupt fotografieren zu dürfen. Die Muslime hatten natürlich zunächst erstmal ein Problem damit. Ich habe dann aber festgestellt, dass man das beheben kann, indem man sich zwei/drei Tage an jedem Essensstand etwas zu Essen bestellt. Häufig musste ich das dann sofort weiterverschenken, weil ich einfach nicht so viel in mich reinstopfen konnte. Aber dadurch haben sie ihre Abneigung gegen das Fotografieren glücklicherweise recht schnell überwunden.

Was wünschen Sie sich, dass Ihre Bilder mit dem Betrachter machen?
Ich versuche meine Bilder immer auf verschiedenen Ebenen zu durchleuchten. Wenn ich mich für ein Foto entscheide, sollte es einerseits intellektuell anregen, es sollte also eine Komposition da sein. Darüber hinaus muss aber noch genug in dem Bild sein, dass auch „normale" Menschen, die sich nicht mit Kunstgeschichte beschäftigen und daher die klassische Kompositionen nicht sehen oder eben teilweise Bildzitate, die sich auf Kunstwerke vergangener Zeiten beziehen, nicht erkennen, dann trotzdem noch etwas mit meiner Kunst anfangen können. Zu diesem Zweck lege ich Wert darauf, dass es noch eine emotionale Ebene gibt. Deshalb bevorzuge ich Kompositionen, die auf merkwürdige Weise vertraut wirken. Häufig wähle ich die Fotos gerne so aus, dass der Betrachter leicht das Gefühl hat, er würde es kennen.

Das stimmt. Auf einem Bild „Pause, 5-09" vom MoersFestival, habe ich auch sofort eine alte Bekannte wieder erkannt, die es aber gar nicht war.
Ich will auch meistens nichts Originelles oder Außergewöhnliches zeigen. Die Bilder sollen eher etwas unheimlich Vertrautes ausstrahlen. Ich möchte, dass man mit seinen Blicken über das Bild mäandern und in die eine oder andere Ecke wandern kann. Es soll also möglichst verschiedene Zugangsmöglichkeiten für den Betrachter geben. Über die Farbharmonien oder Stimmungen, und die Perspektive bzw. Rolle des Betrachters.
Viele zeitgenössische Künstler sind mir da einfach zu kompliziert und zu sehr verkopft, und ich frage mich dann oft: Will der Künstler eigentlich sagen, dass die meisten Betrachter zu dumm für seine Kunst sind? Ich möchte auch den ganz normalen Durchschnittsmenschen erreichen, wenn er denn bereit ist, sich für Kunst zu interessieren.

Was bedeutet die Malerei für Sie? Ist sie Leidenschaft, Arbeit, Spaß oder vielleicht auch manchmal eine Qual?
Ich arbeite von Montag bis Freitag sehr konsequent einfach durch und versuche alle Störungen zu vermeiden. Vor allem, wenn man ein sehr großes Bild malt, was dann teilweise über 8-10 Wochen dauert, ist das zwischendurch tatsächlich einfach mal eine ziemliche Qual. Die erste Woche ist noch lustig und dann wird es für ein paar Wochen wirklich schlimm, weil ich mir denke: „Boah! Wird das denn nie fertig?" Es geht einfach sehr viel Zeit ins Land, bis endlich ein Erfolgserlebnis kommt, und deshalb ist in der mittlere Phasen des Entstehungsprozesses, dann auch wirklich psychisch anstrengend, weil man gar nicht weiß, was man eigentlich gemacht hat. Man fummelt den ganzen Tag an einem Bild herum, lehnt sich abends zurück und sucht nach dem Fortschritt, den man aber nicht sieht.

Was trifft eher auf Sie zu: Verlieren oder verlieben Sie sich ins Detail?
Ich versuche möglichst, in einer stumpfen Arbeithaltung zu malen. Ich setze die Pinselstriche bewusst so, dass sie nicht nach genialem Duktus wirken. Die Striche sollen nach stumpfsinniger Arbeit aussehen. Dadurch entsteht dann auch dieser frappierende Unterschied, je nachdem wie weit man vom Bild entfernt ist, während man es betrachtet: Steht man weit weg, wirkt es wie ein Foto, geht man nah ran, sieht man eben diese stupiden Striche, wie ich sie mache. Bei den Details, wie Grashalmen oder leeren Bierflaschen, gehe ich mit der gleichen Mühe vor wie bei einem Gesicht. Ich versuche also, alles absolut gleichwertig zu malen. Und während dessen bemühe ich mich, alles als Farbflächen zu sehen, und nicht als das, was es ist.

Diesbezüglich haben Sie mal den grandiosen Satz gesagt „Wissen zu wollen, ist ein Fehler". Aber können Sie das wirklich einhalten: zu vergessen, was Sie malen?
Meistens, denn ich habe mich dazu entschieden. Früher habe ich manchmal wissen wollen, was es ist, und immer wieder das Foto analysiert, um herausfinden, um was für einen Gegenstand es sich denn da nun eigentlich handelt. Dann habe ich aber bewusst damit aufgehört. Mittlerweile male ich Sachen und begreife erst Tage oder Wochen später, um was es sich eigentlich handelt.

**Sie möchten in Ihren Bildern keine Gesellschaftskritik transportieren und vermeiden Dinge wie Ironie. Aber wie sieht es mit Humor aus? Immerhin geben Sie Ihren Ausstellungen bemerkenswerte Namen wie „Jägermeister vom Grill" oder Sie nennen ein Bild, auf dem junge Frauen im Bikini bei einer Wasserschlacht zu sehen sind, „Die Phalanx sequentiert das Hagelkreuz". Das spricht schon für einen gewissen Scherz im Ernst, oder?***
Ich betrachte das Kunstschaffen, glaube ich, leichter und lockerer als die meisten. Ich sehe mich schon in einer privilegierten Lage. Wir leben in Mitteleuropa, keiner muss hungern und uns allen geht es eigentlich schon ganz gut. Darüber hinaus habe ich persönlich das Glück, mich mit so einem nicht existentiell lebensnotwenigen Randthema wie Kunst zu beschäftigen. Kunstschaffen ist für mich eher ein Luxus als ein Beruf. Und deshalb bin ich insgesamt sehr gelassen.

Kennerstimmen behaupten, bei der Aquarellmalerei könne man keine Fehler wieder gut machen, und ich frage mich, wie das praktisch gehen soll. Machen Sie keine Fehler beim Malen oder sieht man Sie häufig dabei, wie Sie riesige Leinwände aus dem Fenster werfen? Oder stimmt das gar nicht, und man kann durchaus kleine Korrekturen durchführen?
Es stimmt schon, denn man kriegt die Farbe nicht mehr weg - also ich benutze kein Deckweiß oder so etwas. Ich kann höchstens einfach nur dunkler werden. Deshalb sehe ich zu, dass ich mich beim Malen in guter, ausgeglichener Laue befinde, dass Ärger und Alltagsprobleme vorher irgendwie abgearbeitet sind, und ich in einer mehr oder weniger meditativen Stimmung bin.

Denken Sie beim Arbeiten dann tatsächlich an gar nichts und befinden sich gewissermaßen im Nirwana?
Nicht wirklich. Ich denke eher an ganz andere private Dinge. Manchmal höre ich auch Radio oder führe überaus seltsame, innere Selbstgespräche.

Sie malen also praktisch automatisch?
Genau. Das ist die jahrelange Routine.

Seit 2009 wenden Sie sich auch gerne mal verwackelten und falsch belichteten Fotos zu, die im digitalen Zeitalter normalerweise eher schnurstracks gelöscht werden. Wieso tun Sie das?
Ich gucke mir hin und wieder meinen Bildervorrat an, gehe ihn ganz schnell durch, und an diesen unscharfen Bildern blieb ich irgendwie ständig hängen, weil sie mir kompositorisch gefielen. Ich wollte auch früher in den 90er Jahren schon gerne unscharf malen, aber man gerät in Deutschland dann immer sehr schnell unter Gerhard Richter Kopierverdacht. Und deshalb habe ich das lange Jahre nicht gemacht. Aber da meine Technik ganz anders funktioniert, als die von Gerhard Richter, der in Öl malt und hinterher das Bild verwischt, traue ich mich nun doch. Ich male die Unschärfe direkt in Aquarellstrichen, also nicht verwischend. Deshalb denke ich mal, dass ich eine Art von Unschärfmalerei gefunden habe, die hoffentlich nicht mehr so mit ihm assoziiert wird.

Wie kamen Sie eigentlich auf ihre spezielle Technik, mit Aquarellfarben auf Leinwand fotorealistische Bilder zu produzieren?
Im Laufe der Jahre wurden meine Aquarelle immer größer, so ca. zwei Meter breit. Und diese Aquarelle waren in Glas gerahmt und wogen schnell mal 100 Kilo. Das wurde dann irgendwann zu einem echten Problem. Mal abgesehen davon, dass die Rahmen aufwendig gebaut werden musste, konnte sie auch kaum jemand tragen. Daraufhin habe ich dann ein bisschen experimentiert, ob ich das Gleiche auch auf Leinwand hinbekomme, bis ich eine Grundierung fand, auf der sich Aquarell im Wesentlichen wie auf Papier verhält. Und mittlerweile bin ich sehr froh, dass die Bilder nicht mehr hinter Glas eingesperrt sein müssen.

War Ihnen schon immer klar, dass Sie Künstler werden wollen oder wie hat sich das entwickelt?
Eigentlich war mir das schon in der Oberstufe klar. Also das Interesse war da, aber gleichzeitig das Bewusstsein, dass man als Künstler in dieser Welt meistens nicht zu Recht kommt, weil man kein Geld verdient. Deshalb habe ich auch jahrelang versucht, etwas anderes zu machen. Aber irgendwie konnte ich an nichts anderem Spaß finden und habe dann mit einigen Umwegen doch noch Kunst studiert.

Sie haben 2008 schon mal in der Galerie Ahlers ausgestellt. Wie haben Sie sich gegenseitig gefunden?
Ich hatte 2005 und 2006 zusammen mit Esther Horn eine Künstlergalerie in Berlin namens Montana Berlin und Esther Horn hat zu dieser Zeit bereits bei Ahlers ausgestellt. Dort hat er mich entdeckt und irgendwann gebeten, mal ein paar Bilder bei ihm vorbeizubringen.

Ihre Badebilder haben den Effekt, dass man am liebsten gleich zu den Menschen ins Wasser springen würde, wenn es doch bloß möglich wäre. Und glücklicherweise malen Sie häufig Wassermotive. Hat das einen bestimmten Grund?
Da meine Bilder generell sehr viel mit meiner privaten Erlebniswelt zu tun haben, ist immer dort der Ansatz. Aber ich möchte auch Dinge malen, die allgemeingültig sind. Das Wasser kommt zustande, weil ich seit 29 Jahren segele und mindestens zwei Mal die Woche schwimmen gehe. Ich habe also einfach viel mit Wasser zu tun.

Malen Sie Ihr Leben oder leben Sie fürs Malen?
Ich lebe auf jeden Fall fürs Malen. Alles andere wäre ja ein Seelenstrip.