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Texte

Einführung zur Ausstellung
„Tschau - Du irisierendes Außen“
in der Galerie Ahlers, Göttingen, März 2008
Glimmende Versuchung der Farbe
gehalten von Tina Lüers M.A.

Malerei, das ist die Sicherheit dieser Welt. Mit Malerei kann man sich der Welt vergewissern, sie festhalten. Was gemalt ist, ist auch so. Die Flüchtigkeit des Augenblicks für einen Moment bannen. Malerei ist manchmal, als könnte man die Welt für einen kleinen Augenblick in die Hand nehmen und anschauen.
Manchmal möchte man das Verrinnen des Augenblicks kurz boykottieren. Die Situation für einen kurzen Moment beidrehen lassen, nur so lange, bis die Wassertropfen in der Sonne glitzern, als orangener Regen zurückspritzen in den See. Separatisten jonglieren changierende Amphibien (ist der Titel des Bildes hier auf der linken Seite). In dieser Sekunde noch springt die zweite Ebene des Bildes auf und die dritte, halbtransparente Popups, Schlag um Schlag. Was zählt, ist nicht mehr nur der Tag im warmen Wasser, die spritzige Schlacht, sondern gleichwohl die schönen Gladiolen und die Runde am Abend. Ein vertrautes und gleichzeitig aufregendes Miteinander vor der seit Jahren vertäfelten Wand ist zu sehen. Es ist, als sei die Wahrnehmung weiter, als entspräche sie nicht der konsequenten Geschichtlichkeit eines Aufeinanderfolgens, sondern oszilliere im Tropfenregen tausendfach. Als überblendete sich die Gegenwart mit der Vergangenheit und dem Sehnen für Morgen.
Auf der formalen Ebene aber zeigt sich eine fast an Sigmar Polke erinnernde Behandlung der Oberflächen. Der Bildgrund wird ornamentisiert. Eines ist hier sicher: Die Welt, aber auch die Malerei, hat viele Schichten. Jede der vier Personen an dem Tisch sieht die Szene mit eigenen Augen, schätzt jeden Moment auf ihre Weise ein. Auch Thomas Schiela, der die Motive zuerst mit dem Fotoapparat festgehalten und dann später, in der Malerei übereinander gelegt hat, zeigt sie aus seinem Blickwinkel.
Malt ein Maler Realität, fotografische Ausschnitte von Welt, so legt diese Vorgehensweise eine vermeintliche Objektivität nahe. Nur vermeintlich objektiv kann man sie nennen, weil der Ausschnitt, den jemand beruft, sein und genau sein Interesse anzeigt.

Bei Thomas Schiela gibt es verschiedene Werkgruppen, jeder Komplex ist hier vertreten und verweist, einmal auf der inhaltlichen, dann auf der formalen Ebene auf ein Augenmerk des Künstlers.

Zu nennen sind - skizzenhafter Ausgangspunkt - die kleinen Arbeiten auf Papier hier die Treppe hinauf im hinteren Raum. 24 mal 32 Zentimeter zeigen sie authentische Bruchstücke des täglichen Lebens. Es sind die mal alltäglich genutzten, mal nur selten gesehenen Durchschläge, Siebe, Handtücher, Messbecher, Geldscheine, Holzlöffel, Schinken, Klebebänder, Schokoladenverpackungen, Vasen - Gegenstände, die Thomas Schiela umgeben, und die er aufgreift, herausgreift aus ihrem Kontext. Er nimmt sie eigens wahr, außerhalb und abseits ihrer Funktion. Er sieht ihre formale Qualität. Er findet sie im Handfeger oder in der Zitruspresse. Deswegen sind die kleinen Aquarelle mehr als tägliche Fingerübungen oder farbige Inventur. Sie sind die kleinen Anknüpfungspunkte zur Welt, Sicherheiten im Meer des Seins. Es sind diese Dinge, die d/seinem Dasein die Referenz erweisen, die ohne Murren der Wahrnehmung beistehen. Mal haben sie eine sachliche, knappe Schönheit, wie der rote Durchschlag, mal sind sie Zeugen, allein, als hafte das Leben an ihnen. Gemalt sind sie in Sicherheit gebracht, bringen in Sicherheit.
Das erste Beispiel eines unreflektierten gemalten Zeugnisses als Zeichen würde man sicher schon in irgendeiner Höhle finden. Jan van Eycks Bild der Arnolfini-Hochzeit gilt als Urkunde.

Aquarell auf Leinwand
Solche Bilder wie die von Thomas Schiela hat man jedenfalls noch nicht gesehen. Öl auf Leinwand, Acryl auf Leinwand, diese Ausdrücke sind von Ausstellungsbesuchen vertraut. Sieht man aber ein Aquarell auf Leinwand, stutzt man kurz und schaut genauer hin. Ein bisschen ist das, als würde Basketball auf einem Tennisplatz gespielt werden. Man weiß nicht, wie gut es funktioniert, bis man es nicht ausprobiert hat. nd man braucht natürlich eine andere Grundierung. Man muss Körbe aufstellen.
Aquarelle sind dünnhäutig, leichtfüßig. Leinwand ist dick. Verlässlich. Wie könnte man sich leichter und sicherer fühlen, hätte man nicht den sicheren Boden unter den Füßen.
Als feine Lasur verschiedener Farbtöne spielt das Aquarell mit dem Licht. Es lässt immer einen Blick auf den Grund zu. Auf den Malgrund einerseits, andererseits aber auch auf den Grund des Entstehungsprozesses. Von dort wird der Blick weitergelenkt in Richtung des Künstlers. Seine Motivation, seine Bewegung zeichnet sich ab. Vor rund zehn Jahren hat Thomas Schiela angefangen, ausschließlich Aquarelle zu malen.
Zunächst, wie es nahe liegt, auf Papier. Die Alltagsgegenstände wie auch die jüngsten Bilder - Sie sehen sie hier auf der rechten Seite - Bilder von einer Reise nach Thailand im Januar und die beiden Arbeiten im schweren Holzpassepartout, sind auf Papier gemalt.
Leicht scheint die Farbe auf dem Malgrund zu liegen, ein wenig zu schweben. Hier und da ist sie blass, als läge ein feiner Schleier oder der Rauch von Grillfleisch über der Szene.

Die ursprüngliche Art des Aquarells bestand aus mit Pflanzenfarbe angeriebenen Lasurfarben, es wurde nicht, wie bei Skizzen oder wie man das Aquarell gemeinhin oft verstehet, nass in nass gearbeitet. Nach dem Auftrag einer Farbe wurde stattdessen erst deren Trockenen abgewartet, bevor der nächste Auftrag folgen konnte. Jeder Strich ist auf diese Weise beim Näherkommen genau zu erkennen. So ist es auch bei Thomas Schiela. was früher für Miniaturen galt, trifft auch für die großen Arbeiten zu. Jeder Strich muss sitzen, denn die Möglichkeit zur Korrektur besteht kaum, eigentlich nicht. Strich an Strich, Punkt an Punkt setzt der Maler.
„Ich vermeide jede besondere Geste beim Malen, die Pinselstriche sollen so richtig schön nach Arbeit aussehen", hat Thomas Schiela gesagt. Eine stoische, kontemplative Tätigkeit, ohne die das Bild nicht entstünde. Es gibt in der Kunstgeschichte die Tradition des Thematisierens von Autorschaft und materieller Widerspenstigkeit. So haben doch Maler wie Martin Kippenberger, Andy Warhol oder John Baldessari verschiedene Systeme gefunden, die malerische Fleißarbeit an Auftrags-, Plakat- oder Hobbymaler zu delegieren. Sie taten dies aus programmatischen Beweggründen. Das macht Thomas Schiela eben nicht. Und man kann sich vorstellen, dass es eines immensen Aufwands an Zeit und Fleiß bedarf, diese großen Aquarelle so akribisch zu malen. Nebenbei bleibt genügend Zeit, darüber nachzudenken, wie das nächste Bild aussehen soll. Malerei wird zum Reflexionsmedium des profanen Bilderalltags.

Am Anfang ist das Bild. Entweder, Freunde und Bekannte werden - wie zum Beispiel die im See Badenden - fotografiert, oder aber der Kompositionsprozess beginnt mit einer Foto-Safari.
Thomas Schiela reist zu Festivals und hat seine Kamera im Gepäck. Zeltende, grillende, rauchende, trinkende, feiernde Menschen sitzen im Gras und hören Musik. Präzise ist ihre Kleidung wiedergegeben, die Turnschuhe und Regenjacken, Gürtel und Zopfgummis.
Die Bilder, die Sie hier sehen, sind nach Vorlagen vom Jazz-Festival in Moers entstanden, geschossen aus der Hüfte. Auf der Suche nach Motiven streift der Maler über das Gelände, spricht Gruppen oder einzelne Personen an, bittet darum, sie fotografieren zu dürfen. Das fanden nicht immer alle gut, hat Thomas Schiela erzählt: „Am Anfang habe ich schon mal Ärger bekommen. Die Leute dachten, ich sei von der Polizei." Jetzt hat er immer ein paar Postkarten dabei, versucht die Distanz aufzulösen. Er erklärt den späteren Motiven, dass er Maler ist. Die meisten sind dann freundlich. Aggressive Menschen sind für ihn ohnehin als Modell nicht attraktiv. Meist fallen die Bilder von ihnen bei der Auswahl im Nachhinein ohnehin heraus.
Die festgehaltenen Momente wirken bisweilen wie zufällige Schnappschüsse. Sie folgen aber in ihrem Aufbau klassischen Kompositionsregeln. Thomas Schiela arrangiert sie (meistens) nicht, sondern schaut, wo sich in einem Ausschnitt der Welt die passenden Figuren versammeln.
Die Bilder sind in die Tiefe gestaffelt, vorne mal etwas unschärfer als im hinteren Bereich. Die Behandlung des Raumes verweist auf die ersten Perspektivdarstellungen der Renaissance-Malerei. Die Italiener konstruierten im Quattrocento den Raum genau, wollten das Auge mit Freude in die Tiefe des Raumes lenken. Sie erarbeiteten die Perspektive, bevor sie begannen, zu malen. Im Norden ging man ganz anders vor, die Brüder van Eyck haben es 1432 im Genter Altar exemplifiziert: durch das genaue, akribische Setzen von Punkt an Punkt, Strich an Strich, entstand der Tiefenraum. Es war eine Art des bloßen Sagens, geduldig, ohne vorherige Konstruktion. So arbeitet auch Thomas Schiela. Auch das der Renaissance eigene, neu erstarkende Verhältnis zur Wirklichkeit spiegelte sich, damals wie heute, dort wie hier in Inhalt und Form wieder. Van Eyck war besessen davon, die kleinsten Einzelheiten darzustellen. Eine gleichsam harte Realität tritt an die Stelle jeder Idealisierung, zugespitzt wird diese Vorgehensweise aber erst im flämischen Barock, namentlich bei Rubens zu beobachten. So ist es auch hier, nur das Sujet spielt eine andere Rolle: Bierkästen, Falten, Tränen, Jeans und Zelte. Die Oberflächen sind zusammengesetzt aus Farben im Licht.
Fast wie bei den Impressionisten.

Oberflächen aus Farben
Die Bierkästen hier rechts würde man problemlos im nächsten Getränkehandel wieder finden. Doch um Wiedererkennbarkeit geht es nicht in diesen Arbeiten. Und das, obwohl es zunächst scheint, als sei Abstraktion kein Thema dieser Bilder. Es sieht vielmehr so aus, als sei die Figuration eindeutig dominant. Kommt man jedoch näher, sieht man allein die Struktur der Malerei, die aneinander gesetzten Farbflächen. Fast wirken sie wie kleine getrocknete Seen auf Taft. Lautlos und festgefroren wie auf Pergamentpapier sammelt sich das Licht, fällt durch die Farbe hindurch wie manchmal, bei der Glasmalerei alter Kirchenfenster.
Die Oberfläche ist Farbe, ist Licht, sie bestimmt jede Form. Das kann man nur malerisch, nicht anders erreichen. Thomas Schiela rüttelt am Durchgesetzten. Er sieht die Welt vom anderen Ende des Tisches, vom anderen Ende des Sees, der Welt.
Nur wegen dieser Distanz sind die Arbeiten möglich, wie sie sind. Nur so kann er Thomas Schiela sagen: „Tschau, Du irisierendes Außen". Das ist der Titel des Bildes hier vorn neben dem Treppenaufgang. Stellvertretend spricht er für die anderen.
Umschlossen vom warmen Wasser ist die Welt ganz nah. Malen ist Schweben ist Handeln: Aus Flüchtigkeit wird Stete. Jede Situation ist stellvertretend für das Außen, jede Situation ist glimmende Versuchung der Farbe.