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Kataloge

Texte

Einführung für den Katalog „Jägermeister vom Grill“ erschienen zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstverein Trier, Juni 2007
Wissen zu wollen, ist ein Fehler
Die Malerei von Thomas Schiela

Dr. Roland Mönig, Direktor des Saarlandmuseums

Junge Leute auf einer Wiese: einige liegen ausgestreckt da, genießen die Sonne und beobachten, was um sie herum geschieht; andere sitzen in Gruppen zusammen und unterhalten sich. Man ist lässig und sommerlich gekleidet, trägt Jeans und T-Shirt, hat Jacken oder Pullover anstelle von Decken auf dem Boden ausgebreitet. Eine große Leichtigkeit liegt über dem Bild, jede einzelne Figur verströmt das Gefühl von Unbeschwertheit.
Die Farben entsprechen dieser Stimmung: Sie sind vom Licht gesättigt und wirken beinahe immateriell, wie schwebend. Gelb und Rot, Grün und Blau treten in lebhafte Wechselwirkung, schließen sich zusammen zu kraftvollen Akkorden.
„MoersFestival wide, 6-06", 2007, ist eine charakteristische Arbeit von Thomas Schiela: ein Aquarell, gemalt auf eine mit Gesso weiß grundierte Leinwand mit den Maßen 90 x 220 cm. Mit dieser simplen Feststellung zur künstlerischen Technik gelangt man unmittelbar ins Herz von Schielas künstlerischer Strategie. Denn er verwendet nicht nur einen Bildträger, den man nicht ohne weiteres erwarten würde - ein Aquarell wird für gewöhnlich und aus gutem Grund auf Papier ausgeführt. Er strebt auch nach Formaten, die für diese der Herkunft und Bestimmung nach eigentlich eher intime künstlerische Technik absolut unüblich sind.
Das Aquarell, wie Thomas Schiela es versteht und einsetzt, ist keine kleinformatige Studie oder Skizze mehr, keine Arbeit, die aus der Nähe gelesen werden muss und letztlich unter ein Passepartout und in einen Graphikschrank gehört. Es dringt ein in die Domäne der Ölmalerei mit ihren traditionellerweise großen Formaten und großen Themen. Und wie ein repräsentatives Gemälde beansprucht es eine Wand für sich allein, verlangt Raum und Ruhe um sich.
Noch etwas kommt hinzu: Thomas Schielas Aquarelle treten nicht nur in Konkurrenz zur Ölmalerei, sie verdanken sich darüber hinaus dem Dialog mit dem technischen Medium der Photographie. Sie werden - unter Zuhilfenahme eines Projektors - nach Photos gemalt, die der Künstler selbst aufgenommen hat, in aller Regel nach Momentphotographien.
Das Aquarell stellt dabei eine besondere Herausforderung dar, denn es ist eine ebenso leicht wirkende wie schwer zu beherrschende Technik. Das Pigment wird in Wasser verdünnt aufgetragen, und stets scheint der Malgrund durch; als Licht, das alle Farben erfüllt, trägt er das Bild und entmaterialisiert es zugleich. Intensive Töne können nur durch wiederholtes Lasieren erzielt werden; Korrekturen sind so gut wie unmöglich, denn sie lassen sich nicht kaschieren. Folglich muss jeder Pinselstrich präzis sitzen. Bedenkt man, dass Thomas Schielas Ziel ein photorealistisches Bild ist, auf dem die Farben und Texturen der Vorlage entsprechen sollen, so wird klar, mit welcher Behutsamkeit und Geduld er zu Werke gehen muss. Eine einzige Arbeit kann ihn 60 bis 80 Tage lang voll und ganz beanspruchen.
Das Wesen der Photographie ist ihre Objektivität, ihre Unbestechlichkeit - um ihr mit den Mitteln der Aquarellmalerei gerecht zu werden, bedarf es nicht nur großer technischer Könnerschaft. Schiela muss denselben Aufwand für alle Details betreiben, und seien sie auch noch so unbedeutend; er muss dieselbe hohe Konzentration für ein Gesicht wie für einen Schuh aufwenden.
Mehr noch: wenn er der Photographie malerisch entsprechen will, muss er sich gleichsam intellektuell häuten und das Wissen um sein Motiv sowie alle erfahrungsmäßigen Urteile und Vorkenntnisse über dessen optische und haptische Eigenschaften abstreifen. Er muss sich vollkommen in die Farbe und die Aktivität des Pinsels versenken und malen, ohne zu wissen, was er eigentlich malt. Nur dann wird das Bild stimmig werden und überzeugen, wird es wahr sein. „Wissen zu wollen, ist ein Fehler", sagt Thomas Schiela.
„MoersFestival wide, 6-06" liegt ein Photo zugrunde, das der Künstler auf einem Festival aktueller Musik in Moers aufgenommen hat. Das Bild war nicht gesucht, sondern gefunden, es bot sich Schiela gleichsam an, während er mit wachem Auge und schussbereiter Kamera über das Festival-Gelände streunte. Und so wenig er inszenierend in die Wirklichkeit eingriff, als er sie photographierte, so wenig griff er ein in das Photo, als er es malte.
Die einzige Veränderung gegenüber der Vorlage bestand darin, einen bestimmten Ausschnitt festzulegen, der aus einem Bild mit einem Seitenverhältnis von 2:3 (Schiela arbeitet mit 24 x 36 mm-Material) ein extremes Querformat machte. Das Wort „wide" im Titel weist deutlich auf diese für die Wirkung der Arbeit insgesamt entscheidende Maßnahme hin.
Indem Schiela in die vorgegebene Aufnahme einschneidet (eine Aufnahme, die als eine von vielen ihrerseits sozusagen ein Ausschnitt aus einer umfangreichen Serie von Bildern mit ähnlichen Motiven ist), gelingt es ihm, das Zufällige des Moments, das Kontigente und Einmalige der Situation zu bewahren und zugleich eine Komposition zu schaffen, die diesen Namen tatsächlich verdient und mehr ist als nur das von Hand erzeugte Nachbild einer Photographie.
Bei „MoersFestival wide, 6-06", 2007, ließe sich das versuchsweise so beschreiben: Die Figuren des Mittelgrundes breiten sich aus wie auf einem antiken Fries, wobei sogar der Grundsatz der Isokephalie, der Anordnung der Köpfe entlang einer gedachten horizontalen Linie, gewahrt ist. Der kahlköpfige liegende Mann mit Sonnenbrille im Vordergrund links rahmt die Szene und riegelt den Raum des Bildes gegenüber dem realen Raum ab. Ihm entspricht kontrapunktisch die Vierergruppe der Sitzenden rechts, die sich halbkreisförmig zum Betrachter öffnet.
Der Oberkörper des Liegenden vorn weist in die linke obere Bildecke, während man von seinem angewinkelten linken Bein über das rechte Bein der Sitzenden hinter ihm und die auf ihren linken Arm sich abstützende Frau im grünen Sweatshirt rechts eine Linie bis in die rechte obere Bildecke ziehen kann. So gesehen, ist dem Bild eine V-förmige Struktur unterlegt, deren Fußpunkt links unten im Bereich des Goldenen Schnitts anzusiedeln ist. Der vertikalen Abfolge Rot-Gelb-Rot am linken Bildrand antwortet rechts eine große gelbe Fläche. Diese beiden warmen Akzente zu den Seiten werden konterkariert durch das Grün des Grases und die Massierung lichten Blaus entlang der Mittelsenkrechten. - Konsequenter kann man als photorealistischer Maler den Zufall kaum orchestrieren.
Thomas Schiela sucht Motive, die ihm vertraut sind und seiner eigenen Lebenswelt entsprechen; zugleich sollten sie nicht zu spezifisch und intim sein. Immer wieder malt er Porträts seiner Freunde und Bekannten, manchmal auch von sich selbst. Selten nur haben seine Arbeiten eine literarische oder historische Referenz.
Ein Beispiel in dieser Ausstellung ist die „Ophelia"-Reihe, die auf ein Gemälde des Präraffaeliten John Everett Millais sowie (über diesen vermittelt) auf Shakespeares „Hamlet" anspielt und für die Schiela - entgegen seiner sonstigen Praxis - ganz gezielt ein Photo inszenierte. Bezeichnenderweise gibt Thomas Schiela zu Protokoll, bei den „Ophelia"-Bildern habe ihn das Thema eigentlich gar nicht interessiert; gereizt hätten ihn bestimmte malerische Aspekte, etwa die Reduktion der Farbe und das Wasser als Oberfläche.
Regelmäßig sind es Gruppen, die Schielas Interesse erregen: Menschen, die - wie etwa am Rande des Moers-Festivals - ungezwungen beieinander stehen oder sitzen und sich miteinander unterhalten, die Partys feiern, die rauchen, essen und trinken oder die gemeinsam segeln und sich der Herausforderung von Meer und Wind stellen. Diese Sujets mit ihren komplexen, ganz und gar unvorhersehbaren Figurenkonstellationen üben eine besondere Faszination auf ihn aus. Sie bieten ihm Gelegenheit, anzuknüpfen an die in der Darstellung von Bewegung und komplexen Handlungsabläufen sowie in der Suggestion räumlicher Tiefe unübertroffenen Bilder des Barock.
Der Photoapparat spielt dabei die Rolle eines auf den Bruchteil einer Sekunde genauen Skizzenblocks. Unweigerlich drängen sich einem überdies Assoziationen auf zu den großen Gruppenbildern der europäischen Kunstgeschichte, in denen das Mit- und Nebeneinander von Menschen thematisch ist: von Raffaels „Schule von Athen" über Rembrandts „Nachtwache" bis hin zu Seurats „Sonntagnachmittag auf der Insel Grande Jatte".
Gesellschaftskritik findet man in Schielas Arbeiten so wenig wie Ironie. Jede Form der gedanklichen Spreizung oder ideologischen Überfrachtung ist dem Künstler suspekt. Auch in dieser Hinsicht gilt: „Wissen zu wollen, ist ein Fehler." Dennoch, oder besser: gerade deshalb sind Thomas Schielas von der Objektivität der Photographie geimpfte, vermeintlich nicht komponierte und mit altmeisterlicher Präzision gemalte Aquarelle authentische und vielschichtige Zeugnisse seiner Generation und unserer Zeit.

Roland Mönig