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Cham, 1-13

Das Gemälde „Cham, 1-13“ von Thomas Schiela zeigt junges keimendes Grün auf den Mauern eines historischen Tempels der Cham, einer uralten ethnischen Minderheit im Dschungel Vietnams. Jahrhundertelang wurde dieses zurückgezogen lebende Volk von den Vietnamesen unterdrückt. Die Zerstörung der aus dem 13. Jahrhundert stammenden Tempelanlagen allerdings blieb den Bombardierungen des Vietnamkriegs vorbehalten. Bei My Son, einem Dorf in der Nähe der Stadt Hoi An am Parfümfluss wurden einige Tempelmauern vor wenigen Jahren mit Geldern der UNESCO restauriert. Als Schiela im Januar 2013 My Son besuchte, entdeckte er das leuchtend frische Grün eines gleichmäßig verteilten Pflanzenwuchses, der sich nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten auf den zerfallenen Mauern ausbreitete. Er war überwältigt – nicht nur von der Schönheit des Bildes, das sich ihm bot, sondern auch von dessen Symbolkraft als Metapher für Zerstörung und Neuanfang. Mit der Kamera brachte er eine reiche Bildauswahl ins heimische Atelier nach Xanten, wo er seit spätestens 2002 die heute selten gewordene Malerei mit wasserlöslichen Farben perfektioniert. Kennzeichen für die Arbeitsweise des 1966 in Duisburg geborenen Schiela ist, dass er fotorealistisch malt. Vier Monate saß er somit in der für ihn typischen Haltung kontemplativer Ruhe Tag um Tag vor der Leinwand, um das Naturschauspiel des zarten keimenden Pflanzenteppichs über der uralten Tempelmauer auf die Leinwand zu übertragen. Jeden Abend dokumentierte er wiederum fotografisch die erzielten Fortschritte. Das zweite Kennzeichen von Schielas Malweise, ist, dass er mit Aquarellfarben auf Leinwand malt. Schiela entwickelte sein Interesse am Aquarell schon im Laufe seiner Ausbildung an der Gerrit Rietveld Akademie in Amsterdam und an der Kunstakademie in Münster. Sich in der heutigen Zeit auf die Aquarelltechnik zu besinnen, bedeutete für ihn: Die schnelle Malerei, alles Beiläufige völlig aufgeben und sich mit höchster handwerklicher Konzentration und Akribie der Entstehung des einzelnen Bildes widmen. Langsam werden. Sich Zeit nehmen. Herausfinden, welches Trägermaterial, welche Farben und welche Grundierung sich am ehesten dazu eignen, dieser traditionsreichen Technik im Hier und Jetzt das verborgene Geheimnis ihrer Möglichkeiten – im konkreten Fall: der Darstellung des Lichts im Grün der jungen Pflanzen – zu entreißen. Nicht auf Papier werden die Wasserfarben von Schiela aufgetragen, sondern auf Leinwand. Ausschließlich die nämlich erlaubt das angestrebte große Format. Eine eigens in den Boden des Ateliers eingelassene Vertiefung ermöglicht es dem Maler, das Bild vor seiner Sitzposition abzusenken und so jedem Punkt der großen Fläche die gleiche Präzisionsarbeit widmen zu können.

Der gesamte Text von Renate Petzinger findet sich im Katalog CORSO.