Current: February 17th to 20th, 2022 art Karlsruhe, Galerie Cyprian Brenner
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Texts

Thomas Schiela – Punta Pagoda
Kunstverein Ellwangen 15. März bis 10. Mai 2020

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Thomas Schiela, am Anfang war da der Katalog: 27,8 x 30 x 3,2 cm groß, 1554 g schwer, der zu mir per Post ins Haus kam. Auf dem Umschlag ein Ausschnitt aus dem Bild „Las Vegas Stratosphere, 2 seconds, 3-14“ (2015), darauf der Buchtitel: „Thomas Schiela – Corso“.1 Schon beim ersten Durchsehen großes Erstaunen und Begeisterung: Wow! Und Yahooo! – um es mal mit Worten aus der Co- micsprache2 zu sagen.
Der Künstler, der weit von hier im Norden der Republik, nordwestlich von Duisburg (sein Geburtsort, wo er 1966 geboren wurde) in Xanten lebt und ar- beitet, malt riesige, fotorealistisch anmutende Bilder in Aquarellfarben auf Leinwände – und „Thomas Schiela malt die Malerei“.3
Allein schon diese Materialkombination lässt stutzen, scheinen doch Farbma- terial und Trägerstoff so gar nicht zusammenzupassen. Dass es geht und dass damit ungewöhnliche Ergebnisse erzielt werden können, beweist Thomas Schiela in dieser grandiosen Einzelausstellung hier im Kunstverein Ellwangen. Chapeau an den Künstler – und ebenso Respekt an den Veranstalter – etwas Besseres konnte Thomas Schiela gar nicht passieren. Die großzügigen Räume des Kunstvereins bieten ihm den großen Auftritt für sein ungewöhnliches Werk, die Gelegenheit, mal nicht nur ein oder zwei Großformate zu zeigen, sondern gleich mehrere und aus einem längeren Zeitraum von mehreren Jah- ren (die Arbeiten stammen von 2012-2019).
Und die Ellwanger Ausstellung erlaubt etwas, das ganz unbedingt wichtig für das Betrachten dieses Oeuvres ist, nämlich die Distanz bzw. den richtigen Ab- stand zum Werk. Man ist sogar bei manchen Werken geneigt, von Monumentalmalerei zu sprechen, immer dann, wenn das Bildformat weit über das menschliche Maß hinausreicht, also bei Formaten über zwei Metern. Die knackt Thomas Schiela leicht, auch, weil er sich von dem eigentlichen Unter- grund eines Aquarells, dem Papier, unabhängig gemacht hat. Durch eine spe- zielle Grundierung haften die in Wasser gelösten Farbpigmente auch auf der Leinwand und die Wasserfarbe verhält sich darauf ebenso wie auf Zellstoff. Aber Achtung, wie dort lassen sich Korrekturen lediglich durch ein weiteres Auftragen von Farbe ausführen, was (im schlimmsten Fall) dazu führt, dass diese Stellen immer dunkler werden. Ein Aufhellen gelingt nicht mehr.

Was bedeutet das für den Künstler und seine Arbeit?
Schiela beschreibt seine Arbeitsweise als sehr konzentriert und strukturiert, so versuche er, möglichst alle Störungen beim Malen zu vermeiden. „Vor al- lem, wenn man ein sehr großes Bild malt, was dann teilweise über 8-10 Wo- chen dauert, ist das zwischendurch tatsächlich einfach mal eine ziemliche Qual. (...) Es geht einfach sehr viel Zeit ins Land, bis endlich ein Erfolgserleb- nis kommt und deshalb ist es in der mittleren Phase des Entstehungsprozes- ses dann auch wirklich psychisch anstrengend, weil man gar nicht weiß, was man eigentlich gemacht hat. Man fummelt den ganzen Tag an einem Bild her- um, lehnt sich abends zurück und sucht nach dem Fortschritt, den man aber nicht sieht.“4 Diesen Prozess kann man im ausliegenden Katalog (jeweils am Anfang und am Ende des Werkbuchs) anhand von Zustandsfotografien nachvollziehen. Und zwar an einem Motiv, das in endgültiger Ausführung hier im KV Ellwan- gen ausgestellt ist: „Cham, 1-13“ (2013), ein Bild von 210 cm Höhe und 260 cm Länge. „Day by day“ mit 72 Aufnahmen über einen Zeitraum von 16 Wochen dokumentiert, erwachen die von jungem Grün bewachsenen Stufen einer alten vietnamesischen Tempelanlage auf der Leinwand wieder zum Le- ben. Nahe der Stadt Hoi An am Parfümfluss gelegen wurden die historischen Tempelmauern aus dem 13. Jh. vor einigen Jahren erst restauriert. Aber es dauerte nicht lange, bis sich die Natur diesen Ort mit neuen Pflanzen zurück- eroberte. Die selbst erfahrene Faszination dieses besonderen Ortes spricht aus Schielas Bild. Der groß gewählte Bildausschnitt führt den Betrachter sehr nahe an das Motiv heran. Man ist überwältigt vom Detailreichtum des Vor- bilds, denn nicht der Tempel selbst ist Thema des Bildes, sondern bloß die nah gesehenen treppenförmig ansteigenden Steinstufen mit ihrem natürlichen Bewuchs. Die Flechten, Farne, Gräser und kleinen Pflanzenkeimlinge, die zu sehen sind, leuchten im Tageslicht hellgrün auf und bilden einen starken Kon- trast zu den dunkel bemoosten Steinflächen. Im Hinblick auf die Gesamtkom- position des Bildes, die über die horizontal gesetzten Stufen des Vordergrunds in immer schmaler werdenden Streifen nach hinten fluchtet und somit Räum- lichkeit erzeugt, beeindruckt die Vielfalt der Erscheinungen und die Lebendig- keit der Einzelmotive. Jeder Pinselstrich des Künstlers beinhaltet diesen flora- len Kosmos; man spürt, wie er das natürliche Wachsen und Werden beim Ma- len regelrecht am eigenen Leibe nachvollzogen hat. Charakteristischer als diese Naturaufnahme oder auch Ausschnitte aus Hage- buttensträuchern („Hagebutten II“, 2019 oder „Hagebutten III“, 2019) sind eigentlich Thomas Schielas Menschenbilder, doch das scheint sich in den letz- ten Jahren etwas zu verändern. In den neuen Schneelandschaften (Serie „Alt- reichenau I-IV“, 2018) verzichtet der Künstler teilweise ganz auf die Anwe- senheit des Menschen und widmet sich ganz den Naturerscheinungen. Die Po- sition der menschlichen Figur nehmen hier die unter Unmengen von Schnee versteckten Bäume ein, deren kahle, senkrecht aufragende Stämme dunkel im hell reflektierenden Lichtraum herausstechen. Also eigentlich ist der Mensch ja doch da, wenn auch nicht abgebildet. So sieht man sich selbst in diesen Landschaften stehen. Denn man nimmt exakt den Standort des Künst- lers ein, als dieser das Motiv mit seinem Fotoapparat festhielt.
Daher ist es in der Regel auch so, dass die Bilder von Thomas Schiela Ansich- ten wiedergeben, die er selbst fotografiert hat, die also seine eigenen Erleb- nisse widerspiegeln. Das tat er auf Reisen nach Vietnam, nach Thailand („Bankok, Geckobar“), in den nahen Osten („Jerusalem, Church of the Holy Sepulchre, Edicule“), nach Südamerika („Lago Titicaca“) oder in die USA („Las Vegas, Stratosphere, 2 seconds“). Aber auch Ereignisse aus der näheren Um- gebung seines Wohnortes sind für ihn interessant wie das bekannte, jährlich stattfindende Musikfestival in Moers. Zwei Exponate hier in Ellwangen greifen auf Eindrücke bei diesem Jazz-Festivals zurück: „Moers Festival Pause, 509“ (2010) und „Cocaine Piss“ (2017).
„Ich gehe auf Fotosafari, nachdem ich mir vorher überlegt habe, was ich su- che. Das sind vor allem stimmige Kompositionen, schöne Farbmischungen, Stimmungen und Emotionen. Vorauf ich nicht so sehr achte ist, ob Menschen gut getroffen sind. Denn ob sie vorteilhaft aussehen oder nicht, darauf kommt es mir nicht an.“5
Weitergedacht sind es auch nicht die Details (von denen es augenscheinlich viele in Schielas Bildern gibt), die den Künstler interessieren, als vielmehr der Gesamteindruck, die Spannung zwischen der Bildkomposition und dem inne- rem Ausdruck eines Motivs, was wiederum bedeutet, dass seine Malerei nicht auf das Sichtbare fokussiert ist, sondern auf das, mit dem die Wirklichkeit über ihre konkreten Erscheinungen hinaus aufwarten kann.
Das sei an den beiden ausgestellten Motiven vom Moers-Festival erklärt. Das Gemälde „Moers Festival Pause“ zeigt eine große Zahl Festivalbesucher, die sich auf einer Wiese niedergelassen haben: Zwanglosigkeit und Lässigkeit herrschen vor, eine friedliche Entspannung ist spürbar. Manche unterhalten sich, andere blicken stumm oder sind in Gedanken versunken. Es wird getrun- ken, in Taschen gekramt, telefoniert. Eine ganz und gar normale Situation zwischen zwei Konzerten. Die diagonale Figurenanordnung ebenso wie die nah und ausschnitthaft gesehene Frau im Vordergrund rechts dienen dem Spannungsaufbau. Auch hier hat man als Betrachter wieder das Gefühl mitten drin zu sein. Auffallend in diesem Bild ist auch die Abfolge warmer und kalter Farben, die sich bis zum oberen Bildrand hin alternierend abwechseln. Das Grün des Rasens leuchtet selbst dort noch hervor, zieht den Blick damit in die Tiefe. „Ich möchte, dass man mit seinen Blicken über das Bild mäandern und in die eine oder andere Ecke wandern kann. Es soll also möglichst verschiede- ne Zugangsmöglichkeiten für den Betrachter geben. Über die Farbharmonien oder Stimmungen und die Perspektive bzw. Rolle des Betrachters,“ beschreibt er seine Intention.6 Dabei ist es Thomas Schiela wichtig, jedes Detail mit der gleichen Sorgfalt umzusetzen, seien es Grashalme oder ein menschliches Ge- sicht. Doch dass sich selbst diese Details, die sich Pinselstrich für Pinselstrich konkretisieren, manchmal auflösen, macht den Reiz dieser Nachbilder von Fo- tografien aus. „Und man ist erstaunt von der Genauigkeit, mit der klassische Handicaps der Fotografie wie Unschärfen, Verwischungen oder Verwacklungen umgesetzt sind und zu überraschenden Momenten malerischer Bravour wer- den,“ beschreibt es Roland Möning.
So fesselt Thomas Schielas Gemälde der belgischen Punkband „Cocaine Piss“ (2017), die im gleißenden Aufleuchten eines Stroboskoplichts inmitten des Festivalpublikums auftrat. Das Foto wurde unscharf, man kann die Szene nur schemenhaft erahnen. Das gemalte Motiv wirkt dementsprechend abs- trakt, die Formen sind in verwischte Farbflächen aufgelöst. Das Licht hat hier die Bildregie übernommen, Orange, Rot, Blau, Gelb, dazu helle weiße Spitz- lichter, Reflexionen der Scheinwerfer. Man fühlt sich an vergleichbare Situati- onen erinnert, als man – derart geblendet – zu blinzeln begann, um nicht die Augen schließen zu müssen. Mönig hat in seinem Katalogaufsatz zur Malerei von Thomas Schiela von den drei Lesarten seiner Kunst gesprochen. Ich möchte sie hier noch kurz erwähnen:
„1. Thomas Schiela malt die Fotografie.“ Oder anders gesagt, er beschäftigt sich mit dem vom Licht selbst und mit dem von der Hand gemalten Bild. Und entdeckt darin selbst mit größtem Vergnügen auch die Unvollkommenheiten der Fotografie. „2. Thomas Schiela malt das Licht.“ Sei es das natürliche (Sonnen-) Licht oder das künstliche der Neoröhren und Glühbirnen, sei es am Niederrhein, am Bo- densee, in Jerusalem, Bankok oder in Las Vegas. „Mit Hilfe des Lichtes macht er selbst aus dem Banalsten, aus Motiven, die belang- und bedeutungslos zu sein scheinen, noch ein visuelles Ereignis.“
„3. Thomas Schiela malt die Malerei.“ Um dies mit der Technik des Aquarells zu erreichen, investiert er sehr viel Zeit und überträgt somit die Intensität sei- ner Arbeitsweise auf den Ausdruck seines Bildes. Strich für Strich entstehen diese Bilder, denen man sich nicht entziehen kann, ihrem inneren Aufleuch- ten, dem Fließen der Farben und zugleich der Struktur der Einzelheiten, je nachdem wie nah oder wie weit entfernt man davor steht. Diese Unmittelbarkeit in der Wirkung macht die Faszination des Werks von Thomas Schiela aus. Dadurch macht er ganz leicht seine Erlebniswelt zu unse- rer eigenen und nimmt uns mit auf die Reise, die er zuvor selbst gegangen ist, in der Wirklichkeit und beim Malen selbst. Kunst ist ein Mittel, die Zeit anzuhalten, und bietet zugleich über das Zeitliche hinaus die Möglichkeit, allgemeingültige, darüber hinausreichende Aussagen zu treffen. Thomas Schielas realistische Malerei lädt nicht nur zum genauen Hinsehen ein, sondern zwingt uns regelrecht dazu, umgeben von der Flut digi- taler Bilder, innezuhalten. Und das ist gut so, denn wir sind gerade dabei, die- se Fähigkeit zu verlieren. © Dr. Sabine Heilig, Nördlingen, im März 2020 6 1 Ausst.-Kat. Thomas Schiela, Corso. Hg. Niederrheinischer Kunstverein Wesel, 2016.
2 Onomatopoesie = sprachliche Nachahmung von außersprachlichen Schallereignissen.
3 Siehe Anmerkung 8.
4 In: Telefoninterview mit Vanessa Pegel von 2010,
5 Wie Anmerkung 3.
http://www.schiela.de/texte/telefoninterview_pegel_schiela_10_2010.
7 R. Mönig, Thomas Schiela oder: Warum man malen muss, was man fotografiert hat. In: Ausst.-Kat. Cor- so, wie Anmerkung 1, S. 34.